Beziehung vor Erziehung

Beziehung vor Erziehung

Warum bewusste Nähe so wichtig bleibt, wenn Kinder größer werden 

Der Alltag rauscht an uns vorbei.. Zwischen Arbeit, Haushalt, Terminen und dem Versuch, auch mal ein paar Minuten für sich selbst zu finden, bleibt oft das Gefühl: Am Ende des Tages ist kaum noch Zeit übrig. Und doch sind genau diese Momente – kurz vorm Schlafengehen, beim gemeinsamen Essen, auf dem Schulweg – die, die zählen. 

Ich beobachte meine Tochter jeden Tag. Sie ist jetzt zehn. Ich sehe, wie sie sich verändert, wie sie langsam mehr ihren eigenen Weg geht, wie sie selbstständiger wird. Und ich bin so dankbar, dass sie trotzdem noch diesen kindlichen Funken in sich trägt – das unbeschwerte Lachen, das Spielen, das Kuscheln. 

Manchmal halte ich inne und denke…bald wird sich unsere Beziehung verändern. Das Kind, das jetzt noch meine Nähe sucht, wird bald ihre eigene Welt entdecken. Und darum möchte ich unsere gemeinsame Zeit bewusst gestalten nicht, indem ich erziehe, sondern indem ich verstehe, begleite und vertraue. 

 Beziehung vor Erziehung 

„Beziehung vor Erziehung“ bedeutet nicht, dass Kinder keine Orientierung brauchen. Es bedeutet, dass die Verbindung zwischen uns und unseren Kindern das Fundament ist, auf dem alles andere aufbaut. Wenn Kinder sich sicher und angenommen fühlen, sind sie offen für unsere Werte, unsere Grenzen und unsere Lebensweise. 

Wie Jesper Juul schreibt: 

„Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen authentische Erwachsene, die bereit sind, in Beziehung zu gehen.“ 

(Jesper Juul, „Das kompetente Kind“, 1995) 

Gerade, wenn Kinder größer werden, verändert sich diese Beziehung. Wir müssen lernen, loszulassen, ohne die Bindung zu verlieren. Das ist vielleicht die größte Herausforderung des Elternseins: Nicht nur Kinder werden groß – auch Eltern müssen wachsen, mitgehen, loslassen. 

 Bewusste Beziehung im Alltag 

  • Kleine Inseln schaffen: 10 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit – ohne Handy, ohne Ablenkung. 
  • Zuhören statt lenken: Wenn dein Kind erzählt, frag nach, ohne sofort zu bewerten oder zu korrigieren. 
  • Rituale behalten: Auch große Kinder lieben vertraute Abläufe – ein gemeinsamer Tee am Abend, eine kurze Umarmung am Morgen. 
  • Vertrauen schenken: Kinder spüren, wenn wir an sie glauben. Lass sie ausprobieren – und sei da, wenn’s mal schiefgeht. 
  • Ehrlich bleiben: Sag ruhig, wenn du traurig bist, dass die Zeit so schnell vergeht. Echtheit verbindet. 

Eltern müssen loslassen – und bleiben trotzdem wichtig 

Loslassen bedeutet nicht, dass wir unwichtig werden. Es heißt, dass wir unserem Kind zutrauen, seinen Weg zu gehen – auf dem Fundament, das wir gemeinsam gebaut haben. Unsere Beziehung bleibt – sie verändert nur ihre Form. So, wie Bindungsforscherin Mary Ainsworth es einmal beschrieb: 

„Verlässliche Bindung ist keine Fessel, sondern eine sichere Basis, von der aus ein Kind die Welt erkunden kann.“ 

(Mary Ainsworth, „Patterns of Attachment“, 1978) 

Wenn wir Beziehung vor Erziehung stellen, dann begleiten wir unsere Kinder nicht nur durch die Kindheit – wir geben ihnen Wurzeln und Flügel zugleich.  

Quellen & Literatur 

  • Jesper Juul (1995): Das kompetente Kind. Reinbek: Rowohlt. 
  • Remo H. Largo (2019): Kindheit – Die wichtigsten Jahre. Piper Verlag. 
  • Mary Ainsworth et al. (1978): Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Lawrence Erlbaum. 
  • Nora Imlau (2020): Mein Familienkompass: Was Eltern und Kinder wirklich brauchen. Kösel Verlag. 
  • Gerald Hüther (2018): Rettet das Spiel!. Hanser Verlag. 

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