Diese Woche beobachte ich in meiner Betreuung wieder etwas, das viele Eltern kennen:
Ein Kind spielt gerne für sich. Es schaut lange zu, bevor es sich auf andere Kinder einlässt. Große Gruppen oder viel Trubel können schnell zu viel werden. Und das ist völlig in Ordnung. Gerade bei kleinen Kindern zeigt sich sehr deutlich, wie unterschiedlich Temperamente sein können. Manche Kinder stürzen sich sofort ins Spiel mit anderen, andere brauchen erstmal Abstand, Ruhe und Zeit zum Beobachten. In der frühen Kindheit ist dieses Verhalten absolut normal.
Kinder haben unterschiedliche Temperamente
Schon sehr kleine Kinder zeigen unterschiedliche Bedürfnisse im sozialen Kontakt.
Manche Kinder sind:
- sehr kontaktfreudig
- neugierig auf andere Kinder
- schnell mitten im Gruppengeschehen
Andere Kinder sind eher:
- vorsichtig
- sensibel gegenüber Geräuschen und vielen Reizen
- zunächst beobachtend
Diese Kinder schauen oft erst einmal zu, bevor sie sich beteiligen. Sie brauchen Zeit, um Situationen einzuschätzen und sich sicher zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass sie sozial unsicher sind. Im Gegenteil, Beobachten ist ein wichtiger Teil des Lernens.
Spielen alleine ist kein Problem
Im U3-Alter ist sogenanntes Allein- oder Parallelspiel völlig normal. Das bedeutet, Kinder spielen nebeneinander, aber noch nicht unbedingt miteinander.
Zum Beispiel:
- zwei Kinder bauen nebeneinander mit Bausteinen
- jedes Kind beschäftigt sich mit seinem eigenen Spiel
- trotzdem entsteht Nähe und gemeinsames Lernen
Mit zunehmendem Alter entwickeln sich daraus dann immer mehr gemeinsame Spiele. Dieser Prozess braucht einfach Zeit.

Warum kleine Gruppen für sensible Kinder so wertvoll sind
Gerade für ruhigere oder sensiblere Kinder kann eine kleine Gruppe ein großer Vorteil sein. In der Kindertagespflege betreue ich maximal fünf Kinder gleichzeitig. Dieser Betreuungsschlüssel von 5:1 ermöglicht etwas sehr Wichtiges, ich kann jedes Kind individuell wahrnehmen.
Das bedeutet zum Beispiel:
- ich sehe, wenn ein Kind gerade eine Pause braucht
- ich kann ruhigere Spielangebote schaffen
- ich kann kleine Spielgruppen bilden
- ich kann Kindern Zeit geben, sich anzunähern
In größeren Gruppen mit deutlich mehr Kindern ist das oft schwieriger umzusetzen.
Rückzug gehört zur Entwicklung dazu
Manche Kinder brauchen zwischendurch einfach einen Moment für sich. Sie kommen dann vielleicht kurz zu mir, beobachten das Spiel oder ziehen sich in eine ruhige Ecke zurück. Das ist kein Problem, sondern eine ganz gesunde Form der Selbstregulation. Viele Kinder tanken so neue Energie und gehen danach wieder ins Spiel zurück.
Wie ich solche Kinder begleite
Mein Ziel ist es nicht, Kinder zu drängen oder zu verändern. Stattdessen unterstütze ich sie dabei, in ihrem eigenen Tempo soziale Erfahrungen zu machen. Das bedeutet zum Beispiel:
- kleine Spielkonstellationen mit zwei oder drei Kindern
- ruhige Spielangebote ohne großen Trubel
- Zeit zum Beobachten ohne Druck
- Sicherheit durch eine verlässliche Bezugsperson
Oft entstehen die schönsten Spielmomente genau dann, wenn Kinder selbst entscheiden können, wann sie bereit sind.
Jedes Kind entwickelt sich auf seine Weise
Kinder brauchen unterschiedliche Dinge, um sich sicher und wohl zu fühlen. Manche brauchen Bewegung und viel Kontakt. Andere brauchen mehr Ruhe, Beobachtung und Zeit. Beides ist völlig normal. Gerade in den ersten Lebensjahren profitieren viele Kinder davon, wenn sie in einer kleinen, überschaubaren Gruppe ankommen dürfen, mit festen Bezugspersonen und viel Raum für ihre individuelle Entwicklung. Und genau dafür bietet die Kindertagespflege einen besonders passenden Rahmen.
Quellen & weiterführende Literatur
- Largo, Remo H. (2019) Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. Piper Verlag.
- Deutsches Jugendinstitut (DJI) Kinder in den ersten drei Lebensjahren. Grundlagen für Bildung, Betreuung und Erziehung. Online verfügbar unter: www.dji.de
- Viernickel, Susanne / Fuchs-Rechlin, Kirsten (2016) Qualität in der Kindertagesbetreuung. Verlag Herder.















